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28. März 2021

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- Corona: der Jugend geht die Luft aus - GU-Gemeinden investieren in Millionenprojekte - Ärger über Klinik-Müll - Nagl ist längstdienender Bürgermeister - Regeln für das Osterfest - Café Wifi: Chancen der Digitalisierung

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30 eco www.grazer.at 28. MÄRZ 2021 Experten über Grenzen der Digitalisierung: Persönlicher Kontakt bleibt Der runde Tisch beim Café WIFI war diesmal nicht ganz so rund. Bei ausreichend Abstand diskutierten Experten aus Medizin, Psychologie und Wirtschaft über Potenziale und Herausforderungen, die mit dem pandemiebedingten Digitalisierungsschub einhergehen. Eine Lehre sei das Bewusstsein für die Wichtigkeit des sozialen Kontakts. LUEF (6) RUNDER TISCH. Experten verschiedener Fachrichtungen sprachen im Café WIFI über Chancen und Probleme der Digitalisierung sowie Lehren aus der Krise. ment bei „Ennstal Milch“. Heute sei die Stimmung eine etwas andere: „Ganz, ganz stark merken wir die Auswirkungen dieser coronabedingten Digitalisierung im Recruiting. Wir rekrutieren aktuell Lehrlinge und führen auch Gespräche über WhatsApp. Unsere Erfahrung zeigt ganz klar: Das ersetzt niemals das persönliche Gespräch.“ Auch Mediziner Her- „Die Erfahrungen waren in der Anfangsphase der Pandemie sehr positiv“, erzählt Elke Stangl, Leiterin des Bereichs Personalmanagemann Toplak von der Med Uni Graz berichtet von Schwierigkeiten beim Umgang mit Patienten auf Distanz: „Man arbeitet normalerweise viel mit Körpersprache, mit Blicken. Gleichzeitig nimmt man auch etwaige Widerstände bei den Patienten wahr und kann im persönlichen Gespräch darauf reagieren. Das alles funktioniert über das Telefon nicht.“ In Ausbildung Auffallend ist die Entwicklung im Ausbildungssektor, wie WIFI- Leiter Martin Neubauer betont: „Wir haben pro Jahr etwa 35.000 Menschen, die sich bei uns weiterbilden wollen. Der Großteil wurde von einem Tag auf den anderen auf Online-Lehre umgestellt. Da zeigen sich einige Defizite, es fehlt die soziale Nähe.“ Gerade im Er­ Von Fabian Kleindienst fabian.kleindienst@grazer.at Coronabedingt sind Homeoffice, Home Schooling und damit einhergehend Video- Konferenzen, Chats und andere digitale Tools zum Alltag geworden. Der Digitalisierungsschub im Zuge der Pandemie hat viele neue Trends und Erkenntnisse gebracht. Die Wichtigkeit der sozialen Interaktion wurde jedenfalls deutlich, man kann die Entwicklungen auch positiv nutzen – da waren sich die Experten beim Café WIFI einig. Arbeit auf Distanz Die digitale Lehre wird erduldet und nicht erlebt. Natürlich gibt es auch Vorteile – lange Anfahrtswege fallen beispielsweise weg – viel wichtiger ist aber, was nach einer Ausbildung im Kopf bleibt. Da merken wir ganz klar, dass die Sinne in einem zweidimensionalen Medium anders arbeiten, dass es nicht so gut funktioniert wie in Martin Neubauer, WIFI-Steiermark-Leiter der persönlichen Interaktion.“ Der digitale Anteil wird in der Lehrlingsausbildung sicher wichtiger bleiben als vor der Pandemie. Viele Tools haben sich als sehr brauchbar erwiesen, ich kann mir digitale Medien also auch zukünftig als Ergänzung sehr gut vorstellen. Die soziale Kompetenz kann man aber nur im persönlichen Autausch lernen, gewisse Dinge Elke Stangl, Personalmanagement Ennstal Milch lassen sich nicht digital trainieren.“

28. MÄRZ 2021 www.grazer.at eco 31 auch weiter unersetzbar wachsenenbildungsbereich würde ein großer Teil des Wissensgewinns über Diskussionen und den persönlichen Austauch erreicht. „Das fehlt im Digitalen komplett“, so Neubauer. Die Schwierigkeiten der Distanzlehre wurden in den vergangenen Monaten in den Diskussionen rund um die Schulöffnungen häufig thematisiert. „Wir sehen, dass bei Kindern und Jugendlichen eine Schere immer weiter aufgeht: Es gibt Schüler, die haben ein gutes soziales Umfeld und haben kaum Einbußen. Gleichzeitig gibt es Kinder, deren Eltern nicht helfen können, auch wenn sie gerne wollen würden“, erzählt Psychologin Manuela Paechter vom Institut für Psychologie, die bereits Untersuchungen zu den Auswirkungen der Distanzlehre durchgeführt hat. So gibt es aus den USA bereits Forschungsdaten zu den Effekten der Sommerferien. „Die zeigen, dass die Schere zwischen den Gruppen in nur zwölf Wochen – und bei uns ist es schon fast ein Jahr, mit immer wieder eingestreutem Home Schooling – stark auseinandergeht.“ Deshalb brauche es auch Formen wie die Sommerschule, um Defizite auszugleichen. Digitales nutzen Die Digitalisierung wirkt also auf das Ausbildungswesen, aber nicht nur über die zunehmende Distanz. Vielmehr zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche, die als sogenannte „Digital Natives“ schon von klein auf in Kontakt mit diesen neuen Technologien und Medien kommen, auch andere Fähigkeiten entwickeln. Sie beherrschen Digitales im Schlaf, andere Fähigkeiten scheinen nach dem Prinzip „Use it or lose it“ zu verkümmern. Stangl: „Der Trend geht klar in die Richtung, dass Jugendliche nicht mehr die motorischen Fähigkeiten haben wie noch vor zehn Jahren.“ Besonders im letzten Ausbildungsjahr, als viele Berufsschulen auf Distanzlehre umstellen mussten, habe sich diese Entwicklung noch stärker gezeigt. „Gewisse Dinge kann man einfach nicht digital trainieren.“ Bei der Verwendung digitaler Wenn ich einem Patienten gegenübersitze, arbeite ich mit Körpersprache, mit Blicken und bemerke auch etwaige Widerstände. Da kann ich reagieren. In Graz setzen wir bewusst auf das bio-psychosoziale Modell. Wir behandeln den Menschen als Mensch. Diese Dimension kann man auf digitalem Weg Hermann Toplak, Mediziner vom Uniklinikum Graz Tools ist, wie Paechter betont, jedenfalls auf eine sinnvolle Nutzung zu achten: „Wir haben Untersuchungen gemacht, die bei Kleinkindern einen klaren Zusammenhang von Schlafqualität und Mediennutzung gesehen haben.“ Gleichzeitig zeige die Forschung, dass digitale Medien sinnvoll eingesetzt keine negativen Auswirkungen haben müssen. „Es gibt beispielsweise Programme, die durchaus die Sprachentwicklung fördern können“, so die Psychologin. Einig sind sich die Experten darin, dass neben dem sozialen Kontakt auch das „Begreifen“, das selbstständige Tun, weiterhin eine wichtige Rolle spielen muss. Hier versucht man sich zumindest an neuen Ansätzen, wie Neubauer berichtet: „Wir wollen dabei in Richtung Virtual/Augmented Reality gehen, denn virtuelle Räume vermitteln zumindest den Eindruck, aktiver miteinander zu interagieren.“ Den persönlichen Kontakt wird auch das aber nicht ersetzen können. Neubauer: „Gewisse Dinge muss man einfach angreifen.“ Toplak fasst dementsprechend zusammen: „Die digitalen Medien können hilfreich sein, um Kenntnisse zu erwerben. Wenn man aber Fertigkeiten und Kompetenzen erlernen will, funktioniert das nicht ohne tatsächliche Interaktion.“ Gerade in der Medizinausbildung praktisch nicht erschließen.“ Video auf www.grazer.at Man kann die digitalen Medien sinnvoll oder sinnlos nutzen. Es braucht keine Gegenoffensive zur Digitalisierung, sondern vielmehr einen Plan, wie wir diese Medien nach der Pandemie in das Lernen einbetten können. Da braucht es noch mehr Forschung in diese Richtung und ein kluges didaktisches Konzept, wie sie Manuela Paechter, Psychologin von der Uni Graz gebe es hier große Probleme, da Studierende nun schon fast ein Jahr kaum praktisch an Patienten arbeiten könnten. Neue Zentren zum Erlernen von Fertigkeiten ( wie das „Clincal Skill Center“ der Med Uni Graz) seien hilfreich, würden aber immer eher eine „Krücke“ – eine Lernhilfe – bleiben. Sie könnten keinen tatsächlichen Ersatz für das Lernen am Menschen bilden. Gegenoffensive? gezielt eingesetzt werden können.“ Braucht es also eine Gegenoffensive zur Digitalisierung? Nein, wenn es nach den Experten geht. Paechter: „Es braucht einen Plan, wie wir die neuen Medien gut in das Lernen einbetten können.“ Neubauer stimmt zu: „Es ist kein Entwederoder, sondern ein Sowohl-als-auch.“ Aus der Pandemie und dem Digitalisierungsschub könne man jedenfalls auch einiges Positives lernen und für die Zukunft mitnehmen: „Ein größerer digitaler Anteil wird bleiben, aber es ist ganz klar geworden, dass wir weiterhin einen großen Teil des Unterrichts mit entsprechender persönlicher Interaktion brauchen“, betont Toplak. WIFI-Leiter Martin Neubauer resümiert: „Es ist uns bewusster geworden, wie wichtig die soziale Interaktion ist – das ist jedenfalls eine super Entwicklung. Dass wir uns dessen besinnen und bewusster damit umgehen und die Gelegenheiten im persönlichen Austausch besser nutzen.“ Diskutiert wurden Probleme im Distanzunterricht ebenso wie die sinnvolle und gezielte Nutzung der neuen digitalen Medien für künftige Ausbildungen.

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