7 TAGE SONNTAG

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22. März 2020

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2 graz www.grazer.at 22. MÄRZ 2020 SONNTAGSFRÜHSTÜCK MIT ... So spannend wie ihre Forschungsarbeiten, so schlicht und einfach ist Barbara Stelzl-Marx’ Frühstück. Tee und Kipferl, mehr braucht’s morgens nicht, um die Historikerin glücklich zu machen. LUEF ... Barbara Stelzl-Marx Der Pater des Stift Rein spricht über ausgefüllte Arbeitstage zu Weihnachten, Konumzwang, Medienaffinität, Franz Fuchs und erklärt was für ihn Weihnachten ist. Die Grazerin ist aktuelle „Wissenschafterin des Jahres“. Hier spricht sie darüber, was der Mensch aus der Zeit mit Corona lernen wird, über ihre Leidenschaft für Geschichte und Russland, das Land der Extreme. Machen Sie aus dem Frühstück die sprichwörtliche „Wissenschaft“? Im Gegenteil! Ich frühstücke eher einfach, und das immer gleich. Zu trinken gibt es einen Grüntee, den ich zu einem klassischen Briochekipferl oder Müsli genieße. Sonntags ist etwas mehr Zeit, da machen mein Mann und ich noch zusätzlich einen Smoothie etwa mit Mango, Beeren und Banane. Apropos „mehr Zeit“: Die dürften Sie jetzt auch als Wissenschaftlerin in Corona- Zeiten haben. Ja, aber damit kann ich umgehen. Denn viel herumzukommen, das kenne ich ja auch. Per Dienstreise geht es also oft genug fort, das ist jetzt natürlich ganz anders. Die Freizeit ist umfangreicher und ich verbringe sie generell am liebsten mit meiner Familie bei uns in der Gegend am Gedersberg. Da kann man ja wunderbar spazieren gehen. Zu viel darf man sich jetzt ja leider nicht außer Haus aufhalten. Die Zeit daheim schätze ich trotzdem, u. a. wenn ich mit meinem Sohn etwas spiele oder bastle und mein Mann derweil etwas Feines kocht. Seine Speziali tät ist Huhn Teriyaki. Wenn ich allein bin, entspanne ich beim Lesen – aktuell „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – höre Ö1 oder lache über den schwarzen Humor britischer Filme. Dafür ist in Sachen Wissenschaft jetzt „Fastenzeit“ ... Was nicht einfach ist. Ich verbringe ja viele Stunden in Archiven, bei Besprechungen oder auf Konferenzen und habe auch an der Uni jede Menge Arbeit und am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung sowieso. Jetzt fällt all das flach und die Lehre und die Treffen werden virtuell im Homeoffice organisiert ... Wie entstand die Leidenschaft für Forschung zum Thema Krieg? Studiert habe ich ja ursprünglich Slawistik und Anglistik und kam dadurch nach Russland, wo ich während des Putsches 1991 gegen Michail Gorbatschow in Moskau mitten im Geschehen war und die ganzen folgenden Umwälzungen mitbekam. Da war mein Geschichtsinteresse endgültig geweckt. Während eines Studienaufenthalts 1993 in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, traf ich am Flughafen den Grazer Historiker Stefan Karner. Ich konnte daraufhin in Moskau im Archiv arbeiten und bekam eine Assistentenstelle am frisch gegründeten Ludwig Boltzmann Institut. Seit damals konnte ich mich vielseitig mit unterschied lichsten Aspekten der Kriegsfolgenforschung beschäftigen, zuletzt zum „Lager Liebenau“ in der NS-Zeit oder auch zur Geschichte von Besatzungskindern. Zum Lager Liebenau konnte ich auch eine Ausstellung im GrazMuseum kuratieren und das Buch „Lager Liebenau“ herausgeben. Mich fasziniert dabei u. a., wie sehr sich Geschichte in die Landschaft einschreibt, was die Grabungs arbeiten vor Ort belegen. Ihr Russland-Interesse ist nach wie vor vorhanden? Ich bin jedes Jahr mindestens einmal beruflich dort. Aber auch privat fasziniert mich das Land. Du hast dort nur Extreme: frostige Winter, brennheiße Sommer, unfreundliche oder extrem gastfreundliche Menschen. Dazu die bewegte Geschichte des Landes, ja, das hat schon etwas Besonderes. Besonders ist auch der verliehene Titel „Wissenschafterin des Jahres“ ... Der macht mich stolz – und dankbar dafür, dass die zeithistorische Forschung dadurch sichtbarer gemacht wird. Und natürlich freut es mich für den Forschungsstandort Graz. Viele sagen dieser Tage, Corona bringe die Zeit zum Stillstand. Empfinden Sie das als Geschichtsforscherin auch so? Ich glaube eher, dass die Menschheit sehr viel aus dieser Zeit lernen kann. Man wird sich wieder mehr selbst als Mensch wahrnehmen, auch, weil es wohl zu einer gewissen Entschleunigung kommen wird. Spannend, wie wir damit umgehen werden in Zeiten allumfassender Globalisierung. Und wahrscheinlich werden wir uns auch fragen, ob wir weiter in einer derart globalisierten Welt leben können. PHILIPP BRAUNEGGER Barbara Stelzl-Marx (geb. am 10. April 1971 in Graz) wurde 2019 für ihre Forschung zum Lager Liebenau, Besatzungskindern etc. als Österreichs Wissenschafterin des Jahres 2019 ausgezeichnet. Seit 2019 leitet sie das Grazer Ludwig Boltzmann Institut. An der KF-Uni lehrt sie Zeitgeschichte.

2021