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21. Juni 2020

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- Eine Woche vor der Gemeinderatswahl: Das sind die heißesten Duelle in Graz-Umgebung - Vize-Landeshauptmann Anton Lang im Gespräch - Vogelschutzgebiet Weinzödl: Erlebnisplatz für Menschen und Vögel - Neue Karte für das Graz von morgen - Spatenstich für das neue Grazer Gartenparadies

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2 graz www.grazer.at 21. JUNI 2020 E D I T O R I A L von Tobit Schweighofer ✏ tobit.schweighofer@grazer.at Dahamas statt Bahamas W enn man durch die Innenstadt geht, könnte man meinen, alles wäre so wie immer. Tausende Menschen spazieren durch die Herrengasse, schlecken ihr Eis auf Parkbänken und treffen einander in den Kaffeehäusern. Aber wie so oft trügt auch hier der Schein. Denn noch immer hängt die zweite Welle wie ein Damoklesschwert über uns und nach wie vor kann niemand mit Sicherheit wissen, wie unser Leben in den nächsten Monaten weitergehen wird. Das zeigt auch eine aktuelle Umfrage von Decathlon, bei der man herausfand, dass heuer 60 Prozent aller Österreicher auf einen Urlaub im Ausland freiwillig verzichten und ihn hier verbringen werden. Die Verunsicherung steckt also nach wie vor tief in unseren Köpfen, auch wenn wir uns noch so locker-lässig geben. Sogar besonders beliebte Urlaubsdestinationen wie Italien, Kroatien und Griechenland sind im Vergleich zu den letzten Jahren nur vereinzelt gefragt. Lediglich 13 Prozent fahren ans Meer nach Kroatien (7 Prozent) oder Italien (6 Prozent), und überhaupt nur knapp ein Prozent plant eine Reise nach Griechenland. Nur gut, dass Österreich ebenfalls ein Tourismusland ist und viele schöne Plätzchen zu bieten hat. Schauen wir sie uns an! Tobit Schweighofer, Chefredakteur SONNTAGSFRÜHSTÜCK MIT ... Im kultigen Café Weidinger am Wiener Gürtel genießt Ferdinand Schmalz Buttersemmerl zum Kaffee. Das streichbare Milchprodukt inspiriert ihn auch literarisch. DER GRAZER ...Ferdinand Schmalz Der aktuelle Peter-Rosegger-Literaturpreisträger spricht über Frühstücks-Butter, seinen Künstlernamen, eigenwilligen Schreibstil und Corona als Bühnenstück. Ein Erfolgswerk von Ihnen heißt „am beispiel der butter“. Ist die beim Frühstück daher Grundbedingung? Dabei ist sie, ja. Am liebsten auf einem Weckerl oder Schwarzbrot. Ich hab die Butter als Gleichnis der sich stets ändernden Welt literarisch verarbeitet, nach dem Motto „Die schmeckt nicht mehr so wie früher“. Meiner Meinung nach war die Butter in meiner Kindheit, vor allem echte Sommerbutter, viel schmackhafter. Da nahm man gar noch ein bissl Aroma des Kuhstalls wahr. Sie heißen eigentlich Matthias Schweiger, wie wurde daraus Ferdinand Schmalz? In meiner Jugend hat mich ein Freund einmal gezeichnet und als Walross dargestellt. Und er nannte die Figur „Schmoitz“ ... Charmant ... Mir hat es gefallen, ich war von nun an für meine Freunde der „Schmoitz“. Und den Ferdinand habe ich dann selbst dazureklamiert. Wie verbringen Sie einen Sonntag wie heute? Ich unternehme gern was mit der Familie. Ich wohne mit meiner Frau und meinen zwei Kindern in Wien-Fünfhaus, da zieht es uns schon mal ins Grüne wie den Wienerwald. Allein setz ich mich auch gern in ein Café. Also: relativ unspektakulär. Daheim koche ich sehr gern. Mein Kräuter-Omelette ist familienintern sehr beliebt. Oder ich lese, wie aktuell „Die größere Hoffnung“ von Ilse Aichinger. Geht es als geborener Grazer auch in die Heimat? Aufgewachsen bin ich ja in Admont. Daher auch die Leidenschaft für bäuerliche Sommerbutter etc., aber auch Graz ist mir Heimat. Ich springe dann vor allem auf Gerüche an: der Duft der Produkte am Kaiser-Josef-Markt etwa – das sind echte frühkindliche Prägungen. Gewohnt haben wir am Ruckerlberg. Sie haben einen teils eigenwilligen Schreibstil, schreiben Texte durchgehend mit Kleinbuchstaben. Warum das? Beim Recherchieren versuche ich so viel Input wie möglich zu kriegen. Groß- und Kleinschreibung hält einen da in Sachen Aufnahmefähigkeit eher auf. Der Inhalt kommt dann quasi erst als schneller Fluss raus, ist „Kraut und Ruabn“ und wird dann geordnet. Und mit Gleichnissen wie „Die Butter schmeckte früher besser“ arbeite ich wie eingangs gesagt regelmäßig, weil man damit Leser „fängt“. Denn: Zu so einer Behauptung kann jeder etwas sagen, hat jeder eine Meinung. Corona hat massive Auswirkungen auf die Kultur, siehe heuriger Bachmann-Preis, der online stattfindet. Wie würden Sie diese Zeit künstlerisch umsetzen? Als Buch oder Bühnenstück am ehesten in die Richtung komödiantisches Drama. So viel schlimme Dinge auch passieren, behalten die Menschen doch immer ihren Humor, wie man u. a. bei satirischen Corona-Postings auf Social Media sieht. Und überhaupt bei uns Österreichern bewegt sich der Humor immer ein bissl am makaberen Abgrund entlang. Das gab es früher schon: Als einst in Venedig zu Zeiten der Pest schon überall Kranke auf den Straßen lagen, hat das wohlhabende Bürgertum noch opulente Feste gefeiert. Das waren quasi Vorläufer der heutigen „Corona-Partys“ ... PHILIPP BRAUNEGGER Ferdinand Schmalz bzw. Matthias Schweiger (geb. 1985 in Graz) ist Dramatiker und Prosaist. Gefeierte Erfolgswerke sind u. a.: „am beispiel der butter“, „dosenfleisch“ oder „jedermann stirbt“. Neben Auszeichnungen wie dem Ingeborg-Bachmann-Preis ist er aktuell Träger des Peter-Rosegger-Literaturpreises.

2021