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12. Februar 2021

- Schlechte Luft in Graz: Rechnungshof will Tempo 100 auf Autobahnen und 80 auf Landesstraßen - Grottenhof: Großer Schaden nach Brand - Neuer Sorger in Mariatrost - Bürgermeister Siegfried Nagl im Interview - Graz-Gutscheine für das LKH-Klinikum-Team

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6 graz www.grazer.at 12. FEBRUAR 2021 Bürgermeister Siegfried Nagl will Graz zu einem „Vorbild für die Welt“ machen. SCHERIAU (2) Bürgermeister Siegfried Nagl „Mir fehlen die Menschen wirklich fürchterlich!“ INTERVIEW. Anfang Juni wird Siegfried Nagl der längstdienende Bürgermeister der Stadt sein. Im Gespräch erläutert er seine Meinung über die Grazer und Corona und verrät seine wichtigste Aufgabe. Von Tobit Schweighofer tobit.schweighofer@grazer.at schäftigen wird und dann ist es vorbei. Wenn wir gleich nachgeschaut hätten, wie lange Pandemien in Europa bisher gedauert haben, wären wir draufgekommen, dass die durchschnittliche Dauer zwei Jahre betragen hat. Wann glauben Sie, wird sie in Graz beendet sein? Nagl: Laut Expertenstab von Stadt und Land werden bis zum Sommer alle durchgeimpft sein, die das auch zulassen. Und ich wünsche mir sehr, dass es viele sein werden, die sich impfen lassen möchten. Grundsätzlich will ich mich aber bei allen bedanken, die dazu beitragen, dass wir das Virus eingedämmt haben. Dass es Herr Bürgermeister, Corona hat uns schon fast seit einem Jahr fest im Griff. Die Grazer sind frustiert, viele haben Existenzängste. Was sagen Sie ihnen? Nagl: Wir sind natürlich alle sehr enttäuscht, dass unsere Anstrengungen bisher noch nicht gereicht und gefruchtet haben und wir nicht schon wieder aus der Pandemiezeit draußen sind. Enttäuschungen hängen aber immer mit Erwartungshaltungen zusammen. Und jeder von uns – ich auch – war der Meinung, dass uns das ein paar Wochen beimmer welche gibt, die gar nicht mittun, ist traurig – das Problem lösen wir nur gemeinsam. Großes Lob also an die Bevölkerung. Wie zufrieden sind Sie denn mit Ihrer Stadtregierung in der Coronazeit? Es hat ja einige heikle Punkte gegeben – wie etwa das Chaos bei der Grippe-Impfung oder die Maskenverweigerer im Gemeinderat. Nagl: Naja wir haben in dieser Zeit festgestellt, dass bei allen ein bisserl die Nerven blank liegen. Das war auch in der Politik so. Aber im Großen und Ganzen kann ich sagen, wenn es wirklich darum geht anzupacken und mitzuhelfen, Maßnahmen zu setzen und Geld zur Verfügung zu stellen, kann ich mich auch bei den politischen Kolleginnen und Kollegen nur bedanken. Wann immer ich etwas gebraucht habe, hat mir jedes Mitglied der Stadtregierung sofort geholfen und mich unterstützt. Was nehmen Sie für sich persönlich aus der Pandemie mit? Nagl: Man hat wieder gesehen wie verletzlich unsere Gesellschaft ist. Ich hab das schon mehrfach erfahren, wenn die Natur zugeschlagen hat durch Hochwasser oder einen Sturm. Weiter geht‘s auf der nächsten Seite!

12. FEBRUAR 2021 www.grazer.at graz 7 Ich hab erfahren, was passiert, wenn nur einer aus der Gesellschaft ausbricht und andere ins Unglück stürzt, wie bei der Amokfahrt und jetzt ist es ein nicht einmal sichtbarer kleiner Virus, der die ganze Welt und unser gesamtes Zusammenleben und die Gemeinschaft, für die ich ja verantwortlich bin, durcheinander bringt. Ich bin ja nicht in die Politik gegangen, um Social distancing zu üben, sondern mir fehlen die Menschen wirklich fürchterlich! Und wir haben gesehen, wie sehr es auf den einzelnen ankommt. Der Österreicher ist ja nicht sonderlich diszipliniert. Naja wir sind schon diszipliniert, aber relativ kurz. Den Menschen fehlen die Begegnungen, es fehlt das Gasthaus, das gemeinsame Unterwegssein, keiner kann mehr die Künstler bewundern. Da fehlt schon sehr viel im Leben. Und da geht‘s uns allen gleich, auch mir. Ich hoffe, dass das bald vorbei ist. Und dann geht‘s auch schon zur Gemeinderatswahl. Wann werden wir denn wählen? Nagl: Wir werden diese Periode fertig abarbeiten. Die letzte Wahl 2017 war am 5. Februar, und der Spielraum, wann der Bürgermeister die Wahl festlegen kann, sind zwölf Wochen vor dem letzten Wahltermin oder zwölf Wochen danach. Von November bis Mai ist das also möglich, aber ich nehme an es wird wieder um den Jahreswechsel sein. Gegen Sommer werde ich den Termin letztgültig festlegen. Im März gehen Sie ins 19. Jahr als Grazer Bürgermeister, Anfang Juni werden Sie den Rekord als längstdienender aufstellen. Wie klingt das für Sie? Nagl: Es gibt ja mittlerweile viele Computerspiele, wo man Städte bauen kann, und ich darf das schon so lange wirklich machen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Bürgermeister werde. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich so lang in der Politik Es gibt ja viele Computerspiele, bei denen man Städte bauen und entwickeln kann, und ich darf das schon so lange wirklich machen.“ Bürgermeister Siegfried Nagl brennt auch nach 19 Jahren im Amt für seine Arbeit. bleiben werde. Aber wenn du 2003, 2008, 2012 und 2017 das Vertrauen geschenkt bekommst, verbindet einen das jedes Mal noch stärker mit den Menschen, die da leben. Das ist kein Honig-ums-Maul- Schmieren, das ist wirklich so. Und wenn man sieht wie Graz immer weiter wächst und durch den Bildungsstandort und die Industrie Dinge entwickelt werden, die dazu beitragen, dass in der ganzen Welt etwas besser wird, will ich eigentlich schon haben, dass wir noch stolzer auf die Stadt sind. Sind die Grazer nicht stolz genug auf ihre Stadt? Nagl: Ich glaube, wir sind zumindest nicht überheblich. Wir sind sehr kritisch und hinterfragen uns, aber vielleicht ist das eine Eigenschaft, die du brauchst, damit du die Nase vorne hast in vielen Dingen. Durch das Kulturhauptstadtjahr 2003 hat sich das Selbstbewusstsein der Grazer aber definitiv in eine komplett andere Dimension gehoben. Wenn Sie den Grazern nur ein- einziges Wahlversprechen geben könnten, welches wäre das? Nagl: Das ist eine spannende Frage. Mir hat ein junges Mädchen, dem ich den Gemeinderatssaal gezeigt habe, einmal die Frage gestellt: „Herr Bürgermeister, wenn du für die Feuerwehr, die Straßenbahnen, die Ampeln und alles zuständig bist. Was ist denn deine wichtigste Aufgabe?“ Da hat sie mich fast aus dem Konzept gebracht. Da habe ich länger drüber nachgedacht. Die Antwort ist, dass du dich gemeinsam mit anderen darum bemühst, dafür zu sorgen, dass Graz sich friedlich weiterentwickelt. Das ist die Hauptaufgabe. Ein friedliches Zusammenleben ist die Grundlage für alles. Graz soll ein Ort auf dieser Welt sein, wo Menschen aus 155 Nationen mit weit über hundert verschiedenen Sprachen, mit mehr als hundert Religionsgemeinschaften friedlich miteinander leben und dabei etwas entwickeln können. Vielleicht können wir da ein Vorbild für die Welt sein. Eine Frage, die wohl Sie am allerbesten beantworten können: wer wird nach der Wahl Bürgermeister und wer Vizebürgermeister? Nagl: Das kann ich wirklich nicht beantworten. Natürlich bemühe ich mich darum, dass mir viele Grazer ihre Stimme geben. Ich habe schon alle Koalitionen, die möglich sind, durch, und jede einzelne hat ihre eigenen Stärken in die Regierungsarbeit eingebracht. Das hat Graz definitiv nach vorne gebracht. Letzten Endes wird der Bürger entscheiden. Bürgermeister Siegfried Nagl hat noch einige Visionen, die es zu verwirklichen gilt: „Ich will haben, dass wir noch stolzer auf unsere Stadt sind!“

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